Unterbäch das Rütli des Frauenstimmrechts

April 08, 2021

Unterbäch das Rütli des Frauenstimmrechts

Im beschaulichen Bergdorf Unterbäch haben die Frauen am 3. März 1957 gegen den Willen der Landesregierung zum ersten Mal abgestimmt. Der damalige Gemeinderat fand, dass die Frauen von Unterbäch selber bestimmen sollen, ob sie Zivildienst leisten wollen oder nicht. Dies 14 Jahre vor der Einführung des Frauenstimmrechts.

Diesen revolutionären Urnengang hat Rosa Weissen-Zenhäusern, die damals 7 jährig war, miterlebt. Später wurde sie zur ersten Gemeindepräsidentin gewählt.

Wir wollten von unserer ehemaligen Traubenlieferantin Rosa mehr darüber erfahren.

 

Rosa, deine Cousine Katharina Zenhäusern war die erste Schweizer Frau, die an einer Urne ihren politischen Willen kundgetan hat – illegal und gegen den Willen der Obrigkeit. Du warst damals ein 7-jähriges Mädchen, als am 3. März 1957 die Frauen in Unterbäch zum ersten Mal an einer Abstimmung teilnehmen konnten. Was sind deine Erinnerungen an diesen Tag?

Ich selber habe nicht mehr viele Erinnerungen daran. Von den Erzählungen her herrschte an diesem Tag auch in unserer Familie eine grosse Aufregung. Mein Vater kam nach Hause und sagte zu meiner Mutter: «Chumm mit, wiär ge ga abstimmu».

Meine Mutter brauchte an diesem Tag sehr viel Mut, um über den Dorfplatz zu schreiten und ins Stimmlokal zu gehen. Denn im Dorf gab es zwei Lager. Einerseits die Befürworter*innen und andererseits die Gegner*innen. Im Lager der Gegner*innen zettelten die wütenden Männer und auch viele Frauen einen Tumult gegen alle Frauen an, die Richtung Wahllokal gingen.  

Dieser historische Tag hatte später grosse Auswirkungen auf unser Dorfleben. Die Frauen, die damals abgestimmt hatten, gaben eine gewisse Selbstsicherheit an ihre Töchter weiter. Früher als anderswo hatten die Frauen in Unterbäch die Post, die Bank, Läden und Restaurants geführt. Unsere Posthalterin war die erste und jüngste Posthalterin der Schweiz.

 

Du wurdest als erste Frau zur Gemeindepräsidentin von Unterbäch gewählt. Warum bist du damals in die Politik eingestiegen?

Ich habe den Weg in die Politik nicht gesucht. Meine drei Kinder waren erwachsen und ich hatte gerade meinen Teilzeitjob als Lehrerin aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich angefragt, ob ich im Gemeinderat mitwirken möchte.

Da dachte ich: Warum eigentlich nicht. Ich war immer am Dorf- und Vereinsleben aktiv beteiligt, meine Familie politisch sehr engagiert.

Wichtig ist, dass die Familie dich trägt und dich unterstützt, dann ist es viel einfacher. Da hatte ich grosses Glück.

Die 12 Jahre im Gemeinderat waren eine tolle und wertvolle Zeit. Nach ein paar Jahren im Gemeinderat wurde ich Vizegemeindepräsidentin und später als erste Frau zur Gemeindepräsidentin von Unterbäch gewählt. Ich konnte zusammen mit den anderen Vertretern des Gemeinderates viel zu unserem Dorfleben beitragen und habe in diesem Amt sehr dazugelernt.

 

Du hast vor deinem Einstieg in die Politik gesagt: «Äs bitz Müet han i scho brücht». Wie machst du heute Frauen Mut in die Politik einzusteigen?

Ich war die zweite Frau im Gemeinderat von Unterbäch, aber die erste, die Gemeindepräsidentin wurde. Neben dem Parteivorstand ermutigte mich die vorherige Vizepräsidentin, mich zur Wahl zu stellen, obwohl sie in einer anderen Partei war als ich.

Heute ermutige ich andere Frauen und sage ihnen: Probiert es aus, setzt euch durch. Ich denke, dass Frauen sich oft hinterfragen. Sie fragen sich: Kann ich das? Sie überlegen sich einen solchen Schritt sehr lange. Es ist ja nicht so, dass die Frauen heute das nicht können. Sie haben gute Ausbildungen und die notwendigen Fähigkeiten. Sie brauchen ganz einfach mehr Mut.

Männer sagen meistens: Ich probiere das einfach mal aus.

Auch die aktuell regierende Gemeindepräsidentin habe ich in einem Gespräch ermuntert, den Schritt zu wagen. Ich bin überzeugt, dass sie ihre Aufgabe sehr gut machen wird.

Ich hoffe, dass es bald keine Rolle mehr spielt ob Mann oder Frau. Die Arbeit muss einfach gemacht werden.

 

Erzähle uns von dieser Zeit im Gemeinderat und an der Spitze deines Dorfes. Was waren deine spannendsten Projekte?

Ein sehr spannendes Projekt war ‘die neue Turnhalle’. Aus einem geplanten Umbau wurde ein Neubau, in Form einer Mehrzweckhalle. Diese wird von der Schule und von vielen Vereinen genutzt. Alle Sportarten kann man heute darin ausüben. Das war für das Dorfleben wichtig.

Die Schule und das Soziale lagen mir immer sehr am Herzen. Deshalb waren für mich auch die beiden Projekte ‘Zusammenlegung der Schulen Unterbäch und Eischoll’, sowie die Einführung des ‘Mahlzeitendienstes’ wichtig. Wir hatten nur noch wenige Schulkinder im Dorf und man wollte die Schule um jeden Preis retten.

Mir war es wichtig, dass das Dorf für junge Leute attraktiv ist und bleibt. Viele sind im Dorf geblieben oder sind in den letzten Jahren wieder nach Unterbäch zurückgezogen. Das ist schön.

 

Du hast als Hobby zusammen mit deinem Mann einen kleinen Rebberg bewirtschaftet. Was hat dir an der Rebenarbeit besonders gut gefallen?

Für mich war der Rebstock immer ein Wunder. Im Frühling siehst du nur ein Stück Holz. Aus diesem entsteht später ein toller Wein. Schon während meiner Kindheit hatten meine Eltern Reben in Salgesch. Ich habe immer gerne in den Reben gearbeitet.

 

Welchen Wein servierst du deinen Gästen am liebsten?

Zum Apéro serviere ich meistens einen süffigen, fruchtigen Fendant oder einen Johannisberg. Zum Hauptgang gibt es bei uns oft den Pinot Noir oder den Cornalin. Mit diesen Weinen aus dem Cave du Rhodan liegt man bei den Gästen nie falsch. Und für diejenigen, die süssen Dessertwein mögen, haben wir immer ein Fläschchen Malvoisie im Keller.

 

An dieser Stelle bedanken wir uns bei Rosa für das offene und herzliche Interview.


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