Luc Mounir in der Bretagne auf den Spuren der Rhodan Weinschafe
Ein regnerischer Tag in der Bretagne. Passender könnte der Auftakt meiner Reise kaum sein. Die raue Landschaft, der Wind vom Atlantik und der feuchte Boden geben bereits eine Ahnung davon, unter welchen Bedingungen sich das Ouessantschaf entwickelt hat, jene Schafrasse, die uns heute im Rebberg begleitet.
Der erste Besuch führt zu einem der traditionsreichen Betriebe, welcher eng verbunden ist mit der Geschichte der Rasse. Hier treffe ich mich mit Monique Abbé, der Tochter von Paul Abbé, der sich früh für den Erhalt dieser beinahe verschwundenen Schafe einsetzte und später in den 70igern an der Gründung des Züchterverband für Ouessant-Schafe (GEMO: Groupement des Éleveurs de Moutons d’Ouessant) beteiligt war.

Der Besuch von Luc bei einem Züchter.
Das Ouessantschaf blickt auf eine lange, zugleich fragile Geschichte zurück. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts wird es auf der bretonischen Insel Ouessant als aussergewöhnlich kleines, aber hochwertiges Schaf beschrieben. Es ist perfekt angepasst an das raue Inselklima. Im 19. Jahrhundert erlangte es überregionale Aufmerksamkeit. Seine geringe Grösse, die wetterfeste Wolle und das schmackhafte Fleisch machten es ebenso begehrt wie seine exotische Erscheinung. Tausende Tiere lebten damals auf der Insel, bevor Einkreuzungen grösserer Schafrassen im 20. Jahrhundert das ursprüngliche Erscheinungsbild zunehmend veränderten.
Paradoxerweise sicherte gerade die frühzeitige Ausfuhr von Ouessantschafen auf das Festland, vor allem in Schlossparks und Gärten, das Überleben der ursprünglichen Rasse. Dort blieben kleine, robuste Linien erhalten, aus denen engagierte Züchter wie Paul Abbé ab den 1970er Jahren den Wiederaufbau der Rasse wieder vorantrieben. Ohne diese verstreuten Restbestände wäre das Ouessantschaf heute vermutlich ausgestorben.

Die Schlossherde.
Meine Reise führt weiter nach Norden in die Stadt Rennes. Dort treffen sich an diesem Wochenende Züchterinnen und Züchter aus verschiedenen Ländern Europas. Im Mittelpunkt stehen Austausch, Diskussion und das gemeinsame Ziel einheitliche Standards zu definieren und langfristige Leitlinien für den Erhalt der Rasse festzuhalten. Denn Zucht bei Ouessants bedeutet nicht Leistungssteigerung, sondern Bewahrung von Typ, Robustheit und Ursprünglichkeit. Dazwischen liegen viele Gespräche, Geschichten und Anekdoten.
Am Sonntag zeigt sich die Bretagne dann von ihrer schönsten Seite. Strahlender Sonnenschein begleitet uns zu drei weiteren Betrieben und interessanten Züchtern.

Der letzte Besuch hinterlässt dabei einen besonderen Eindruck. Es handelt sich um eine Schlossherde, welche über Generationen nahezu ohne äusseren Einfluss erhalten geblieben ist. Die Geschichte des Schlosses ist reich an Namen und Ereignissen. Unter anderem fällt auch der Name Napoleon Bonaparte, der das Anwesen einst einem Botschafter als Dank für dessen Dienste überliess.
Zum Abschluss besuche ich noch eine der vermutlich ältesten Ouessantherden im Westen der Bretagne. Hier spürt man noch viel Ursprünglichkeit im Erscheinungsbild der Tiere. Einige Schafe sind über zwanzig Jahre alt. Dies verdeutlicht deren Robustheit. Zusammen mit der Züchterin tausche ich mich über viele Details aus, von der Wolle bis hin zu den Zähnen.

Ein zentrales Thema begleitete mich auf der ganzen Reise: Robustheit. Sie war überlebenswichtig auf der Insel Ouessant und ist es auch heute noch. Diese Eigenschaft schätzen wir besonders, an unseren Weinschafen, wenn sie im Rebberg weiden. Sie sind trittsicher, genügsam, wetterfest und leisten wertvolle Arbeit in der Reben- und Landschaftspflege. Doch neben dem praktischen Nutzen ist uns der züchterische Erhalt dieser Rasse ebenfalls sehr wichtig.
Zucht bedeutet hier ein Denken in langfristigen Zeiträumen, wie bei den Reben auch. Es braucht sowohl bei den Tieren wie bei der Natur viel Zeit für eine gute Entwicklung.
Die Reise war ein spannender Einblick in die Geschichte der Ouessantschafe und war geprägt von vielen interessanten Gesprächen in allen möglichen Sprachen und viel neuem Wissen über die Geschichte meiner Tiere.